Steine aufladen – der größte Mythos der Steinheilkunde

Ich muss kurz durchatmen, bevor ich das schreibe.

Denn wenn ich das Wort „aufladen" in Verbindung mit Steinen lese – ich meine wirklich lese, nicht höre, schon das Lesen reicht – wird mir leicht übel. Nicht weil ich Steine nicht mag. Sondern weil dieser eine Begriff so viel gutgemeinten Unsinn produziert hat, dass er das ganze Thema Steinheilkunde zuverlässig in die Schwurbler-Ecke drängt. Und das ärgert mich. Denn dahinter steckt eigentlich etwas ganz Vernünftiges – das nur komplett falsch erklärt wird. Auch wenn ich mich jetzt in die esoterischen Nesseln setze, ich mach's trotzdem.

Also. Von vorne.

EIN STEIN IST KEIN AKKU

Amethyst-Druse als Ladestation

Ein Stein ist Geologie. Er hat eine chemische Zusammensetzung, eine Kristallstruktur, eine Entstehungsgeschichte, die Millionen Jahre zurückreicht. Ein Amethyst ist Siliziumdioxid mit Eiseneinschlüssen – das ist der Grund für seine violette Farbe. Ein Hämatit enthält viel Eisen – das ist der Grund, warum er so schwer ist und so kühl anfühlt. Diese Eigenschaften sind unveränderlich. Die stecken im Stein drin. Die kann man nicht wegladen, wegstellen, wegtanzen oder wegmondlichten.

 

Einen Stein „aufladen" im Sinne von: ich fülle neue Energie hinein – das geht nicht. Find ich auch ziemlich anmaßend, anzunehmen, man könne sowas. Ein Stein ist kein Smartphone-Akku. Er hat keine Ladekapazität. Er kann nicht leer werden. Er ist, was er ist – Millionen Jahre alte Geologie. Und das bleibt er. Egal ob Vollmond und Beschwörungstanz oder nicht.

WOHER KOMMT DIESER AUFLADE-MYTHOS EIGENTLICH?

Aus einer Idee, die – wenn man sie vernünftig erklärt – gar nicht so weit hergeholt ist. Die Idee nämlich, dass Steine mit Einflüssen aus ihrer Umgebung  "ummantelt" werden können.

 

Ich stelle mir das gerne wie eine Käseglocke vor. Stell dir eine Käseglocke auf einem Tisch vor. Irgendwann sammelt sich darunter etwas an – die Luft wird schwerer, der Duft stärker, alles ein bisschen dichter. Die Käseglocke selbst hat sich nicht verändert. Aber was sich darunter angesammelt hat, das ist spürbar.

 

So ähnlich stelle ich mir das bei Steinen vor. Nicht der Stein verändert sich. Er bleibt was er mineralogisch ist – immer. Aber was sich um ihn herum angesammelt hat – die Energie des Raums, der Menschen, der Zeit – das kann man ablösen. Das kann man lüften. Das kann man waschen.

 

Das nennt sich Reinigen. Nicht Aufladen.

 

Das ist keine Wortklauberei. Das ist ein grundlegend anderes Konzept – und macht den Unterschied.

JETZT ZUR UNTERHALTUNG: WAS DRAUSSEN SO EMPFOHLEN WIRD

Ich habe in meiner Ausbildung viel gelernt. Unter anderem, dass man mit Wissen auch Humor vertragen muss. Denn was ich so lese, wenn jemand Steine „reinigen und aufladen" googelt – herrje.

 

Da wird empfohlen, Steine in den Vollmond zu legen. Damit sie sich „wieder aufladen". Mit Mondenergie. Ich frage mich jedes Mal: Wie genau soll das funktionieren? Der Mond reflektiert Sonnenlicht. Er sendet keine besondere Energie aus. Er zieht das Wasser der Meere – ja, das stimmt, Gezeitenkräfte sind real. Aber mein Amethyst ist kein Ozean.

 

Da wird empfohlen, Steine in die Morgensonne zu legen. „Um sie aufzuladen". Ich empfehle das ausdrücklich nicht. Amethyst verblasst im direkten Sonnenlicht dauerhaft. Rosenquarz auch. Fluorit ebenfalls. UV-Strahlung greift die Farbzentren im Kristall an – das ist Physik, das ist nicht rückgängig zu machen. Wer seinen wunderschönen violetten Amethyst konsequent in die Sonne legt, bekommt irgendwann einen blass-grauen Quarz. Das ist dann kein Energieproblem des Steins – das ist ein Fotonen-Problem.

 

Da wird empfohlen, Steine in Klangschalen zu legen. Und in Reiswasser einzuweichen. Und mit dem Atem zu reinigen. Und auf einer Blume des Lebens aufzuladen. Und in Pyramidenform aufzustellen. Und mit positiven Gedanken zu umprogrammieren. Drumrum zu tanzen und dazu zu singen....

 

Ich sage dazu nichts weiter. Nur: es ist schön, wenn man viel Zeit hat.

WAS WIRKLICH SINNVOLL IST

Steine reinigen – das macht Sinn. Nicht weil man Energie hineinpumpt oder rauszieht, sondern weil man ablöst, was sich außen angesammelt hat. Hier was wirklich funktioniert:

  •  WASSER – einfach, effektiv, für die meisten Steine geeignet. Sanft abspülen, kurz und bewusst. Aber: nicht alle Steine vertragen Wasser. Selenith kann sich, je nach Beschaffenheit, buchstäblich auflösen. Malachit gibt im Wasser giftige Kupferverbindungen ab. Magnetit kann rosten. Also vorher kurz informieren, welcher Stein was verträgt.
  • SALZ – eine gute Methode, aber mit Verstand. Große Schale mit Steinsalz füllen, eine kleinere leere Schale hineinstellen, und die Steine in die innere Schale legen. Nicht direkt auf das Salz. Denn Salz kann Steinoberflächen chemisch angreifen, zerkratzen, matt werden lassen. Opale zum Beispiel reagieren heftig auf Salz und können dabei dauerhaft beschädigt werden. Das verwendete Salz danach entsorgen – nicht wiederverwenden. 
  • SPÜLMITTEL – ja, ich schreibe das wirklich. Meine Massagekugeln und Seifensteine wasche ich nach jeder Massage gründlich mit Spülmittel ab, spüle sie mit klarem Wasser nach und lasse sie trocknen. Das ist Hygiene. Das ist vernünftig. Das ist genau das, was man tun sollte, wenn Steine in direktem Kontakt mit Menschen waren. Kein Mondlicht, kein Gebet und kein Tanz ersetzt das.

WAS ICH SELBST MACHE

Meine Steine – auch die, die in meinen Raumhütern hängen – reinige ich mit Wasser, wenn sie verschmutzt sind. Sanft, kurz, bewusst.

 

Und dann lege ich sie in meine Amethystdruse.

 

Nicht weil die Druse sie „auflädt". Sondern weil es sich für mich stimmig anfühlt. Eine große Amethystdruse hat eine besondere Ruhe – das ist vielleicht der Bergkristall-Anteil im Amethyst, der alles ein bisschen klarer macht. Oder es ist einfach der Moment des Innehaltens, das bewusste Ablegen.

 

Ich weiß es nicht genau. Und ich behaupte nicht, es zu wissen. Das ist der Unterschied zwischen mir und denen, die euch erzählen, der Mond lädt eure Steine auf. Wenn ihr euch mit dem Mondlicht gut fühlt, nur zu. Mir reicht abspülen und trocknen lassen. 

ZUSAMMENFASSUNG FÜR ALLE DIE DIREKT NACH UNTEN GESCROLLT HABEN

  • Steine aufladen: geht nicht, ist kein Ding, der Stein ist Geologie.
  • Steine in die Sonne legen: kann Farbe dauerhaft zerstören. Finger weg.
  • Steine reinigen: macht Sinn. Mit Wasser, mit Salz (Schale in Schale), bei Massagesteinen mit Spülmittel.
  • Amethystdruse: schön, stimmig, mineralogisch interessant. Muss aber nicht sein.

Schlimmstenfalls passiert gar nichts. Und du hast ein schönes Stück Natur an deiner Wand.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0